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Stromdiebstahl unter Tage

Von einem Zwischenstromzähler, der sich neben dem Personenlift, im Erdgeschoss in einer Vitrine befindet, führen rote Elektrokabel in die Schachtgrube. Die Enden dieser roten, stromführenden Kabel werden im Stollen mit flexiblen, selbstgefertigten Lichtbändern verbunden, die raumbezogen installiert sind. In diesen flexiblen Lichtbändern befindet sich ein Material, dass von elektrischen Strom zur Lichtabgabe angeregt wird. Der zum Leuchten benötigte Strom ist dabei so gering, dass der angeschlossene Stromzähler den Verbrauch nicht messen kann. Auf diese Art beabsichtige ich einen neuartigen "Stromdiebstahl" mit den Mitteln der Kunst zu realisieren. Die Lichtbänder entziehen dem Stromnetz zwar Energie, die jedoch wegen ihrer Geringfügigkeit von Zähler nicht erfasst und damit in Rechnung gestellt werden kann.

Am 9. April 2001 jährt sich in Deutschland ein denkwürdiges Gerichtsurteil. Genau hundert Jahre zuvor war ein neues Gesetz in Kraft getreten, das Stromdiebstahl fortan als strafbaren Tatbestand definierte. Obwohl zuvor erhebliche juristische Anstrengungen unternommen wurden konnte, laut geltendem Recht, für dieses Delikt niemand verurteilt werden. Der Diebstahlbegriff des 19. Jahrhunderts war auf das immaterielle Ding "Strom" nicht anwendbar. Ich beziehe mich nun mit meinem Projekt "Stromdiebstahl unter Tage" auf diese historische Zäsur.

Stromdiebstahl

Katalogtext von Wendelin Zimmer

Eine ebenso alte wie aktuelle gesellschaftliche Aufgabe treibt Daniel Hausig um: Gewinnung und Nutzung von Energie, speziell unser Umgang mit elektrischem Strom. Gunnar F. Gerlach umschreibt im Katalog zur Saarbrücker Ausstellung"Daniel Hausig - Lichträume", die Absichten Hausigs treffend so:

"Der Begriff Ökologie findet bei ihm in seiner ursprünglichen, etymologisch geklärten Form Anwendung: abgeleitet vom griechischen Begriff ›Haushaltskunde‹ bezeichnet sie die Wissenschaft von der Beziehung der Lebewesen zu ihrer Umwelt. In diesem Sinne ist die Entwicklung seiner Ästhetik gleichzeitig an eine Haltung zu Forschung und Experiment in Technik, Ästhetik und Politik gebunden. Ziel ist es, über die unmittelbar auf die Sinne und den Körper wirkende Ästhetik Aussagen über lebensfördernde oder lebensfeindliche Entwicklungen zu gewinnen. (...) Bei Hausig ist die ökologische Anwendung der Technik auf Natur bezogen, die der Ökonomie auf die Kunst. (...) Kunst versteht sich in diesem Kontext nicht als bloße Ausbeutung der Natur, sondern als deren konstruktive Anwendung."

Hausigs Installationen machen die von ihm anvisierten gesellschaftlichen Fragestellungen sinnfällig in Kombinationen technischer Apparaturen mit Licht- und Farbräumen.

Seine in Haseschacht- und stollen vom Künstler realisierte Installation, bezeichnet er als"Stromdiebstahl". Damit erinnert er zunächst an eine Rechtsunsicherheit, die im späten 19. Jahrhundert deutschen Gerichten zu schaffen machte. In der Frühphase der Elektrifizierung sind die Naturwissenschaften noch uneins darüber, ob Strom eine materielle Sache oder eine Kraft, ein Fluidum sei. Das Delikt Diebstahl gilt damals lediglich in bezug auf Sachen. Das Landgericht Kiel beispielsweise stellt 1896 in einer Berufungssache zunächst fest, juristisch könne der naturwissenschaftliche Streitpunkt nicht entschieden werden. Die Staatsanwaltschaft beruft sich zwar auf ein Reichsgerichtsurteil von 1887, nach dem Strom Gegenstand eines Diebstahles sein kann, doch die Kieler Richter entscheiden anders: Strom ist nichts "Körperliches", kann also nicht gestohlen werden. Und es gelte der Grundsatz: nulla poene sine lege (Keine Strafe ohne Gesetzesgrundlage). Das fehlende Gesetz tritt am 9. April 1900 in Kraft: "Wer einer elektrischen Anlage oder Einrichtung fremde elektrische Arbeit mittelst eines Leiters entzieht, der zur ordnungsmäßigen Entnahme von Arbeit aus der Anlage oder Einrichtung nicht bestimmt ist, wird ... bestraft."

Hausig unterläuft mit seiner Vorgehensweise dieses Gesetz. Im Haseschachtgebäude schließt er, für jedermann sichtbar, geeichte Zwischenstromzähler ans Netz. Von den Zählern ausgehend, verlegt er Stromkabel den Schacht hinunter bis in den Stollen, wo er sie mit Elektrolumineszenz-Bändern verbindet. Diese, im Siebdruckverfahren von Hausig selbst entwickelten Bänder enthalten Pigmente, die bei Stromzufuhr zu leuchten beginnen. Dafür benötigen sie allerdings so wenig Energie, dass die vorgeschalteten Zähler die entnommene Strommenge nicht messen können: der Strom fließt, die Zähler registrieren es nicht.

Eine ebenso verblüffende wie anspielungsreiche Arbeit. Sie erinnert unausweichlich an Prometheus, den sagenhaften ersten Energiedieb, der den Göttern das Feuer raubte und dafür grausam bestraft wurde. Kein Stromlieferant dagegen kann Hausig haftbar machen oder ihm eine Rechnung ausstellen, er müsste ihm denn einen vom Zähler registrierten Energieraub nachweisen.

Die Osnabrücker Zeche, Lieferant besonders energiereicher Steinkohle, bedient gegen Ende des 19. Jahrhunderts die aufblühende Industrie. Energiesparen ist damals keine Vision doch die ökologischen Folgen des Steinkohlenabbaus machen sich bereits bemerkbar: Das salzhaltige Wasser, aus der Zeche in die Hase geleitet, belastet den kleinen Fluss und verdirbt die anliegenden Felder.

Hausigs Arbeit könnte sich im Bergwerk zunächst wie ein Vorschlag ausnehmen, mit Energie bewusster umzugehen. Hausig integriert in seiner Hasestolleninstallation die Energieentnahme, den Transport und die Umwandlung von elektrischer Energie in Lichtenergie in eine ästhetische Form von Lichtfarbe. Er verbindet Form, Lichtfarbe und Raum zu einer Apparatur für den Stromdiebstahl. Die Elektrolumineszenz-Bänder senden keine intensiven Lichtstrahlen aus, die die Umgebung hell erleuchten, sondern oszillieren aus sich selbst heraus. Sie wirken zunächst in ihrer flächigen Anordnung fast wie ein Lichtleitsystem, definieren sich aber durch die Art und Weise der Anordnung und die diffuse Licht-Abstrahlung auch im Raum. Die zugeführte Energie wird, so Hausig, über sie "ästhetisch entsorgt." Er ersetzt die historischen Grubenlampen durch High-Tech-Beleuchtung. Das Spiel zwischen Licht und Schatten, zwischen Wärmeren und kälteren Lichtfarben bilden einen neuen Raum und schärfen zugleich die Wahrnehmung für das Bestehende.

Im Gegensatz zu der tradierten malerischen Praxis, Farbpartikel mit Licht von außen lebendig werden zu lassen, jedes Bild wird mit zunehmender Dunkelheit immer farbloser, bedient er sich der in Elektrizität umgewandelten Energie, um Farbpigmente von innen leuchten zu lassen.

In Haseschacht und -stollen weist die vom Künstler so sparsam genutzte Energie als "Lichtmalerei" zu einem unterirdischen Wegabschnitt, der noch immer von rostigen Bestandteilen der ehemaligen Entwässerungsanlagen teilweise verstellt wird. Entlang der Stollenwände beschreiben Hausigs Elektrolumineszenz-Bänder seine Form.

"Licht im Schacht" oder Licht im Stollen: Was Henzes und Kubischs und Hausigs Installationen gemeinsam haben: die Umwandlung der Welt unter Tage in eine wenigstens vorübergehend den Besucher ein- und umfangende irreale Umgebung. Nicht zu vergessen: Licht unter Tage, als Elektrizität insbesondere, gilt noch immer als Gefahrenquelle. Dass die Künstler sich unter Tage relativ gefahrlos dieser Energie bedienen können, ist ein nicht unwichtiger Aspekt der - am Arbeitsalltag des Bergmanns gemessen - Irrealität der unterirdischen Inszenierungen. Die Künstler, noch einmal sei es gesagt, rekonstruieren nicht, sie konfrontieren Vergangenheit mit den Erfahrungen oder der Sensibilität der Menschen von heute.



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Museum Industriekultur,
Osnabrück, 2001