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Fachwerk 2009

Lichtinstallation mit LED-hinterleuchteten Profilstangen,
Aluverbund, Farblichtsequenzen geloopt

Die Autonomie der Leuchtmittel

Von Martin Schick

Der Kurator fiebert mit, auch wenn er nicht selbst Hand anlegt beim Ausstellungsaufbau, die meiste Zeit in Büros verbringt und nur so hin und wieder durch die Räume streift und das Ganze wie im Zeitraffer entstehen sieht. Wenn so eine aufwendige, mit Installationen bestückte Ausstellung dann endlich fertig aufgebaut und eröffnet ist, gewöhnt er sich sehr schnell an die wieder einmal erstaunlichen Veränderungen und erlebt, wiewohl er es doch so lange und gut genug kennt, ein völlig neues Haus. Nach kurzer Zeit befällt einen das Gefühl, dass das alles für sehr lange so bleiben soll, als ob es die letzte, endgültige Ausstellung sei. Die Freude über die gelungene Ausstellung geht einher mit der Verdrängung ihrer zeitlichen Begrenzung – in einigen Wochen ist alles vorbei, aber jetzt, hier, in dieser wertvollen Gegenwart, davon noch nichts!


Schließlich war der Aufwand immens. Sechs, zeitweise noch mehr Leute haben eine Woche lang von morgens bis tief in die Nacht geschraubt, gesägt, verdrahtet, aufgehängt, kilometerweise Kabel verlegt, gelötet, gesteckt und getestet, professionell und präzise, als ob es Jahre halten solle. Für den Aufbau haben Daniel Hausig und fünf junge Leute aus dem Kreis seiner Studenten und Absolventen der Hochschule der Bildenden Künste Saar in Backnang Quartier bezogen, aber nicht erst damit hat die Arbeit begonnen: Die Lichtkunstwerke wurden schon Wochen vorher im Atelier des Künstlers vorbereitet, überarbeitet und zum Teil erst gebaut oder vorfabriziert; die Planung dafür lief Jahre im Voraus. Viel Arbeit für ein kurzes Leuchten.


Nun ist alles soweit, und am Ende kommt noch dieser Text und dieser Katalog dazu, der zwei Lichtkunst-Ausstellungen von Daniel Hausig dokumentiert, von denen man sagen können wird, dass sie jeweils eine außergewöhnliche, sinnliche Präsenz hatten. Gezeigt werden auch einige Fotoobjekte und Fotografien zum Teil älterer Arbeiten sowie eine Videoprojektion mit einem 24-Stunden-Zeitrafferfilm, der einen Ausflug des Lichtkünstlers in die Landart mittels pinkfarben fluoreszierender, aufblasbarer Schwimmreifen in der Landschaft dokumentiert und zeigt, wie viel farbiges Licht so ein Ding auch noch im fahlen Mondlicht ganz ohne weitere Lichtquellen abzugeben imstande ist.


Überwiegend aber sehen wir Installationen mit leuchtenden Flächen. Unter ihnen sind auch einige ältere, die der Ausstellung einen retrospektiven Charakter geben. Hausig arbeitet seit über zwanzig Jahren mit Licht; die Schau zeigt mit aufschlussreichen Bezügen bis hin zu einigen neuen Arbeiten eine konsequente Entwicklung, in der er immer auf der Höhe der Zeit mit den jeweiligen technischen Möglichkeiten sein künstlerisches Vokabular erweitert hat. Im Zentrum seiner Arbeiten ist ein, wie man im Rückblick erkennt, erst tastendes, dann grundlegend gewordenes und dann konstantes Interesse für das Faszinosum sichtbar gemachten elektrischen Stroms in Form von farbigem Licht geblieben, das sich immer wieder wechselnder Mittel bedient.


Solche für das Auge angenehm schwach leuchtenden Flächen begegnen einem im Alltag nicht, es sind keine herkömmlichen, wie es im Elektrofachhandel heißen würde, Leuchtmittel, sondern ganz speziell vom Künstler entwickelte: Elektrolumineszenz-Beschichtungen, im Siebdruckverfahren auf Glasplatten aufgebracht, zuletzt LED-Technik, kombiniert mit speziell präparierten Ober- und Projektionsflächen. Aber an keiner Stelle wird hier lediglich technischer Schnickschnack gezeigt. Auch das beiläufige Herzeigen der Mittel, das bewusste Nichtverstecken der Maschinerie – soweit dies möglich ist – behindert den Inhalt nicht, sondern macht deutlich, dass es nicht um Effekte geht. Es geht um den Unterschied zwischen Beleuchtung und Licht, es geht, wie in der Malerei, um die Autonomie der Mittel. Der Künstler unterwirft die Techniken der Lichterzeugung einem künstlerischen Transformationsprozess, an dessen Ende ein entschiedener Gestaltungswille wirksam und ein Hang zu stark reduzierter, geometrischer Form sichtbar wird. Nicht selten korrespondieren sie mit Formen, wie man sie aus der Energiegewinnung aus Sonnenlicht kennt. Dieser formale Zusammenhang ging bei Daniel Hausigs früheren Arbeiten in sich schlüssig mit einem elektrischen einher, indem Sonnenlicht aus Sonnenkollektoren direkt in künstliches Licht umgewandelt wurde. Diese Komponente ist zwar nicht Bestandteil der Backnanger Ausstellung, weil der Strom hier der Einfachheit halber aus der Steckdose kommt. Dennoch ist es eine typisch Hausig’sche Lichtkunst-Präsentation, die mit ruhigen, sich selbst genügenden Raum-Bildern und einer klaren Sprache aufwartet.


Im kommenden Februar macht der Künstler dann das Licht aus, und es bleibt, von ein paar technischen Teilen abgesehen, nur der Katalog übrig: für die einen Gedächtnisstütze, für die anderen ein Buch mit Fotografien obskurer Erscheinungen, die man sich auch mit viel Vorstellungsvermögen nur bedingt vorstellen kann, weil die Bewegung, das Erleben des Lichts, die Atmosphäre, das Gewahrwerden der eigenen Gegenwart und des Zerfließens der Zeit im Moment der Wahrnehmung fehlen. Diese Lichtkunst ist flüchtig. Alles was von ihr bleibt, ist, wie Musik, Erinnerung. Allerdings gilt das auch wiederum nicht nur für Lichtkunst. Für einen Ausstellungsbesucher mag es im Grunde das Gleiche sein, wenn es sich etwa um Malerei handelt – er kommt einmal, sieht sich alles an, und es kommt kaum vor, dass ihm das Gesehene noch ein weiteres Mal im Leben begegnet. Es ist nur eine andere Vorstellung, die man von der Malerei hat, nämlich dass das Bild als „Gegenstand“ irgendwo weiterexistiert, das kurz hervorgeholt, in einem öffentlichen Ausstellungshaus gezeigt und dann wieder verpackt und woanders aufgehängt wird, vielleicht für lange Zeit. In der Art ihrer Rezeption verhält es sich mit der Lichtkunst nicht viel anders als mit der Malerei, und sonderbarerweise hat diese Hausig’sche Lichtkunst auch formal einiges mit Malerei gemeinsam. Licht, farbiges Licht, Farbe: Auch wenn es, wie bei Daniel Hausig, in geometrischen, kühlen Formen erscheint, sich wie minimalistische Malerei in ihrer reinsten Form als Flächenarrangement präsentiert, erzeugt farbiges Licht dennoch sofort Atmosphäre, spricht das Gefühl an, erzeugt immer schon gleich einen psychischen Raum. Die langsamen Veränderungen in den Farben der mitten im Raum an einen Deckenbalken angelehnten Lichtstäbe (Fachwerk, siehe Bild), die nach zwei gegenüberliegenden Seiten unterschiedliches Licht aussendenden, spielen damit: mit unserer Wahrnehmung, mit unserer Reaktion auf sanfte Farbwechsel. Wir sehen rechnergesteuerte, schlanke LED-Leuchtstäbe, und auf den Wänden dahinter die Reflexion der Farben, die die Stäbe auf der Gegenseite ausstrahlen, also farbige Linien vor farbiger Fläche. Dazu die sich in wenigen Sekunden vollziehenden langsamen Farbwechsel; schließlich noch gelegentlich die „laufenden“, also von einem Stab zum benachbarten und so weiter springenden Farbwechsel, die ein Durchlaufen suggerieren, eine filmartige Bewegung. Das solcherart an in der Malerei gemachte Erfahrungen angelehnte, dynamische Farbwechselspiel ist auf das menschliche Wahrnehmungstempo zugeschnitten und gerät an keiner Stelle zu unruhig; es bleibt überwiegend das Gefühl eines stehenden Bildes, das nur gelegentlich von durchlaufenden Farblinien unterbrochen wird. Eine „interaction of colour“, die einem Maler wie Josef Albers gefallen hätte, ein faszinierendes Farbraum-Erlebnis, von dem die Augen kaum lassen möchten.


Zusammen mit Studierenden hat Hausig die Installation im gotischen Chor entwickelt, eine für ihn ungewöhnliche Arbeit, was sicher der hier stärkeren konzeptuellen Mitarbeit der Studenten geschuldet ist. Es ist eine interaktive Arbeit, die die Besucher selbst in Gang setzen können, und damit einen fliegenden Schwarm aus alten Staubsaugern, die aufheulen und sich dann bewegen, eine von innen beleuchtete Tüte aufblasen und nebenbei einen Lärm entfachen, der den hohen, echoreichen Chorraum dröhnen lässt. Einschalten kann man die Installation, indem man auf bestimmte Felder auf einer speziellen Matte tritt, die in der balkonartigen Nische im ersten Stock mit Blick auf die Installation im Chor liegt, was Besucher zu absurden Choreographien verleitet: Irgendwie möchte man immer alle „Schwäne“ gleichzeitig in Gang setzen, und genau das geht natürlich nicht; es lässt sich nicht zwingen. Wenngleich uns also dieses auf seine Weise minimalistische Kunstwerk mit einem leichten Schmunzeln eine Rezeption in maximal vorstellbarer Üppigkeit verweigert, die Assoziationen sind da: Die Schwäne scheinen nach Süden zu fliegen.


Auch die Fassaden-Lichtinstallation (Sprechende Wand ) an den Fenstern der West- und teilweise der Südfassade des Backnanger Galeriegebäudes ist eine neue Arbeit, die Daniel Hausig zunächst mit einigen Studenten zusammen an der Saarbrücker Kunsthochschule entwickelt, an deren Fassade aufgebaut und dann speziell für die städtische Galerie in Backnang eingerichtet hat. Die 36 Fensterflügel wurden mit einer genial einfachen, aber hoch wirksamen Vorrichtung zu einzeln ansteuerbaren Lichtflächen umgebaut, um dann von einem Programm als Loop bespielt zu werden, das die gesamte Fassade als bewegtes Farb-Bild inszeniert. Dieses Kunstwerk bleibt an die Rahmenbedingung des Kunstausstellungshauses gebunden und wagt sich dennoch ungewöhnlich stark nach außen: Mit dem wechselnden Licht-Farben-Spiel wird das an exponierter Stelle stehende Galeriegebäude plötzlich in der ganzen Stadt zu einer weithin sichtbaren Attraktion. Man bleibt unverhofft stehen und schaut. Besonders faszinierend ist das Schauspiel von den Hängen oberhalb des gegenüberliegenden Murr-Ufers zu sehen. Farbiges, auch bewegtes Licht in der Stadt gibt es überall genug, und fast immer dient es kommerziellen Interessen. Dass Hausigs Lichtinstallation damit nichts zu tun hat, sieht man sofort, und das liegt wiederum an ihrer klaren, ebenso poetischen wie minimalistischen Formsprache. Gewissermaßen hat Daniel Hausig im öffentlichen nächtlichen Lichtraum mit diesem künstlerischen Aufscheinen, Glimmen und Flackern ein–temporäres–Zeichen der Zweckfreiheit gesetzt. Schön, dass es so etwas geben darf. Man muss es gesehen haben.





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GALERIE DER STADT BACKNANG