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Boxenstop

Katalogtext von Annett Reckert

Ein nächtlicher Spaziergang Nach Einbruch der Dunkelheit erschien den Spaziergängern entlang eines Uferweges im Braunschweiger Bürgerpark im Sommer 2000 unvermittelt ein brüchiges Licht zwischen den Blättern der Bäume. Im Näherkommen wandelte sich diese schemenhafte Erscheinung vom Blau, in ein warmes Hellgrau und Grün. Schließlich offenbarte sich dem unwillkürlich angezogenen Flaneur der lang gestreckte gläserne „Boxenstop“ als ein Ort des Verweilens. Ungeachtet ihrer Ausmaße erschien die leuchtende Box wie von leichter Hand beiläufig am Ufer abgestellt. Was irritierte, war die Frage nach dem Woher und Wozu, zuallererst aber die Frage nach der Qualität und der Quelle des Lichtes. So verlockten die Wände mit ihrer mehrfach gebrochenen und gespiegelten Gitterstruktur zum neugierigen Hineinspähen, um dem geheimnisvollen Aus-Sich-Herausleuchten auf die Spur zu kommen. Über eine Treppe an der kurzen Seite war der lichterfüllte Tunnel des nachts zu betreten: ein Eintauchen in eine nunmehr dunstige Atmosphäre, in eine sanft stuktuierende, farbgefilterte Welt. Erinnerungen an Nächte des Südens wurden wach. Die sommerlichen Mückenschwärme trugen das Ihrige dazu bei. Nach einigen Schritten durch den Raum, wurde der Boden unter den Füßen des nächtlichen Besuchers zu einer metallenen Gitterstruktur über den bewegten Schlieren des dunklen Wassers. Leicht verunsichert ob des Bodens, der ein tanzendes Spiegelbild lieferte, zog es dennoch jeden Besucher zum Fensterausblick an der Stirnseite der Box: Im Dunkeln blieb der angestrengtspähende Blick hinaus auf das Schwarz des Flusses - und währenddessen unaufhörlich das Sirren der Apparatur, deren Herz sich in einer schlichten ‘Bank‘ in der Mitte des Raumes befand. Hier lieferte der „Boxenstop“ Stoff für Spekulationen über ihr technisches Geheimnis und damit über die mögliche Autarkie des Systems. Wer dann seinen Weg über die nahe Fußgängerbrücke, die Werkstättenbrücke, fortsetzte, dem offenbarte sich ein unerwartet humorvolles Moment mit Blick auf das ‘Posing’ des Containers. Geradezu vorlaut, waghalsig mit der Balance spielend, lehnte er sich über ein unscheinbares Steinmäuerchen am Ufer der Oker, auf deren Wasserober.äche die Spiegelung des gläsernen Raumüberhangs zu einem imaginären Brückenschlag wird. Vom gegenüberliegenden Ufer aus betrachtet, bot sich nochmals eine überraschende Perspektive: Der eben erst durchschrittene Farb-Licht-Raum wird aus der Ferne zu einem Bild in der Landschaft. In diesem fast surrealen, bühnenhaften Bild bewegen sich Menschen, die des Beobachtetwerdens kaum gewahr werden. Sie treten ans Fenster. Offensichtlich unterhalten sie sich - gestikulierend in beklemmender Stille.

Über Solarzellen und Lumineszenzgläser

„Es wäre schon eine feine Kunst gewesen, wenn’s geraten wäre.“ So resiginiert beendeten die Schildbürger ihre Versuche, das Licht und den Tag in Kesseln, Zubern, Säcken und Mausefallen einzufangen. Die Solartechnik, derer sich Daniel Hausig bei seinem „Boxenstop“ in Verbindung mit Lumineszenzgläsern verbindet, vollbringt heute dieses Wunder. Über Wand.ächen wird Tageslicht eingefangen und nachts als Farblichtstrahlung wieder abgegeben. Solarzellen verwandeln dabei die Strahlungsenergie des Tageslichtes in elektrische Energie. Zwischen zwei Siliziumschichten – hauchdünne Schichten aus hochreinem, geschmolzenem Sand – geschieht ein Austausch zwischen dem Elektronenüberschuss in der einen Schicht und dem Elektronenmangel in der anderen Schicht. Der Austausch wird durch das auftreffende Licht ausgelöst. Strom fliesst. Diesen kann man, im Gegensatz zum Licht in Batterien speichern oder, wie heute üblich, ins öffentlichen Netz des regionalen Stromversorgers einspeisen und damit quasi zwischenspeichern. In ihrer Erscheinung faszinieren Solarzellen mit ihrer changierend blauen Ober.äche, mit den darauf applizierten hauchdünnen, fragilen Leiterbahnen, letztlich aber durch die Unvorstellbarkeit des in diesem .achen Objekt verborgenen physikalischen Raumes.

Die Entdeckung der Solarzellen für seine künstlerische Arbeit lieferte Daniel Hausig zahlreiche Impulse. Für ihn sind sie Werke „Konkreter Kunst“, die jedermann frei ab Werk erwerben kann. 1992 erläutert Hausig: „Das konkreteste Bild ist für mich heute ein Sonnenkollektor. Mit seinem Silizium-Zellen-Verband ist er logisch und schön zugleich. Ich erkläre dieses industrielle Produkt ausdrücklich zur konkreten Kunst. Der Kollektor ist für mich eine moderne Ikone.“2 Ein Seitenblick auf Josef Albers‘ Serie „Homage to the Square“, seine mit didaktischem Anspruch angelegte Mappe „Interaktion of Color“ 1963, oder eine Arbeit wie „Fabric B“, 1925 (sandblasted opaque flashed glass with black paint, 30 x 40 cm) macht Hausigs Parallelsetzung augenfällig. Die Oberflächengestaltung der Solarzelle ist das Ergebnis der technologisch bedingten Optimierung von Linienzeichnung (Figur) und Grund. Ein konstruktives ‘Dilemma‘, das die auf dem Gebiet der Photovoltaik Forschenden beschäftigt, betrifft die optische Geometrie der Leiterbahnen und damit das Problem der Beschattung. Die leitfähigen Linienverläufe auf dem Sonnenkollektor sind für den Elektronen.uss unerlässlich, dürfen also nicht zu dünn geraten. Sind sie allerdings zu breit, verdecken sie zu viel von der Fläche, die schließlich ein Maximum des Lichtes einfangen soll. Sind die Abstände zwischen den Bahnen zu groß, werden die Wege zu lang. Der einwandfreie Elektronen.uss ist nicht gesichert. Die Ober.ächengestaltung einer Solarzelle ergibt sich somit als ein Kompromiss zwischen den optimalen Ausmaßen und Verläufen der Leiterbahnen und der Fläche, auf die das Licht treffen soll. Genau diese Relationalität ist das Problem eines jeden Zeichners oder Malers, der eine Figur auf einen Grund setzt. Konsequenterweise heißt eine in der Stadtgalerie Saarbrücken realisierte Installation „Über der Figur- Hintergrundproblem bei Solarzellen“, 1996.

Daniel Hausigs Lumineszenz-Zellen sind in ihrer ästhetischen Gestalt ganz offensichtlich von den Solarzellen angeregt und auch hinsichtlich ihrer Entwicklung und Herstellung gibt es Analogien. So sind seine Lumineszenz-Zellen klassische Siebdrucke - allerdings solche, die unter Strom gesetzt werden. Sie sind Kondensatoren, also zwei Metallschichten, zwischen denen ein elektrisches Feld entsteht. Diese Kondensatoren können elektrische Energie/Strom in (monochromatisches) Licht umwandeln. Zwischen den dünnen, leitfähigen Metallschichten, von denen mindestens eine durchsichtig ist, damit das Licht ausstrahlen kann, beendet sich eine Trägermasse mit dem farbbestimmenden Leuchtpulver darin. In dieser Substanz, in ihrer genauen Zusammensetzung und Konsistenz, liegt das Geheimnis der sanften Farblichterscheinung verborgen.

In verschiedenen Installationen hat Daniel Hausig mittels Solar- und Elektrolumineszenz- Technik die Verbindung von Innen- und Außenraum thematisiert. Beim „Boxenstop“ kommt es zu einer wundersamen Verschmelzung, die sich erst dem analytischen Blick erschließt. Die Außenwände und die Decke der Box bestehen aus zwei Schichten. Auf der Südseite der Außenhaut sind Solarzellen angebracht, die tagsüber Sonnenlicht sammeln. Die Energie wird ins Netz eingespeist und nachts wieder abgezapft, um die Lumineszenz-Zellen an der Innenhaut zum Leuchten zu bringen. Unwillkürlich regte der „Boxenstop“die Besucher zu Gedanken hinsichtlich einer möglichen Autarkie an. Schließlich sind autarke Energiesysteme eine Möglichkeit unserer Zeit. Jürgen Claus, der Verkünder des „solaren Zeitalters“ erinnert mit Blick zurück in die Menschheitsgeschichte: „Ein solares Zeitalter ist kein zukünftiges, sondern eine Grundbedingung für das Leben in der Biosphäre. Die Grünzonen der Erde sind im einzelnen und in ihrer unendlichen formalen Vielfalt so ausgelegt, daß sie als optimale Transformatoren und Konverter von solarer Energie die Grundlage des Lebens bilden können. Aus dem solaren Raum bezieht der Mensch von Beginn an seine Energien, die sich alle als solar, von der Sonne bestimmt, de.nieren lassen.“ Vieles wurde bis zu Erschöpfung ausgebeutet. Die Entwicklung der Solarzelle – 1954 wurde die erste Silizium-Solarzelle vorgestellt – ist ein Meilenstein. Ihre Entwicklung hat letztlich fast einhundert Jahre gedauert. Über die Photovoltaik, so visioniert Claus, gibt es die Möglichkeit „über aktuelle Material- und Gestaltungsprozesse wiederum in den natürlichen Kreislauf einzutreten.“

Zur Überwindung der Teilkulturen Der „Boxenstop“ ist ein beziehungsreiches Gebilde. Er ist ein Grenzgang zwischen Kunst und Technik, zugleich aber auch ein zeitgenössischer Kommentar zur Gartenkunst, die die Natur zu formen sucht durch Pflanzengestaltung, Wegesysteme und bauliche Elemente. Von je her steht nichts anderes dahinter als eben jenes zu tun, was auch Hausig mit seiner Box gelingt: die Erschaffung von begehbaren Bildern. Dabei kommentiert der „Boxenstop“ zugleich die jüngere Architekturgeschichte, um zugleich für die Jetztzeit einen Vorschlag zu machen. Die reduzierte Ästhetik der Werkstättenbrücke, deren Konstruktion aus Metall und Nieten, wird in der Ästhetik des „Boxenstops“ wiedergespiegelt. Zugleich gab das in seiner Funktion unerklärliche Ufermäuerchen als autorenloses ‘minimalistisches Werk‘ einen entscheidenden Impuls für eine strukturell klare Konstruktion. Und so erinnert der „Boxenstop“ durchaus an das „Farnsworth House“, Plano Illinois, 1946-51 von Ludwig Mies van der Rohe. Es gilt heute als Inkunabel der Modernen Architektur. Seine schwebende Leichtigkeit und Transparenz setzte Maßstäbe. Damit sind Schlüsselkonzepte genannt, die auch in aktuellen zeitgenössischen Architekturentwürfen eine Rolle spielen, ebenso wie die modulare Bauweise, die Hausigs Arbeiten zu eigen ist. So liegen im nächsten Schritt angesichts des „Boxenstops“ funktionale Überlegungen durchaus nahe. Schließlich ist der Titel eine Handlungs- und Nutzungsanweisung. Das Innehalten ist gefordert und mit einer humorvollen Referenz, ausgerechnet an den Motorsport, empfiehlt der Künstler seinen mitten im Park situierten gläsernen Farb-Licht- Raum als eine Tankstelle, als eine Ladestation für Leib und Seele, die man ganz handgreiflich weiterdenken könnte. So wäre der „Boxenstop“ nach gewisser Umrüstung als Bar denkbar, als Schutzraum, Ruhezone oder Wellness-Station für die Promenierenden, als Forschungslabor, Ausstellungsraum oder Info-Point für eine parkspezifische Thematik.

Wohin gehen die Farben nachts? Für den nahenden Spaziergänger im Bürgerpark, der die Farben in den dunklen Baumkronen verfangen sah, schien sich kurzfristig eine Antwort auf jene alte Kinderfrage einzustellen. Wären da nicht die komplizierten Modelle von Teilchen und Wellen, die der Physikunterricht lehrt. Dies führt zu grundsätzlichen Überlegungen über das Verstehen von physikalisch-technischen Zusammenhängen meist mit Hilfe von einfachen Bildern. Daniel Hausig kann ganz einfach als ein Maler mit aktuellen Mitteln beschrieben werden. So steht er mit seinen Farb-Licht-Räumen durchaus in der Tradition seines künstlerischen Lehrers Gotthard Graubner und dessen „Farbraumkörpern“, deren Wirkung immer wieder als „lebendige Ruhe“ beschrieben wird. Wie Graubner verwehrt sich auch Hausig im Umgang mit dem Thema Licht einem Symbolismus, über dem stets das Menetekel des Kitsches schwebt, vor allem dann, wenn die anhängigen Mythen Berücksichtigung finden. Als Maler, der nur bedingt mit Pinsel und Farbe arbeitet, kreiert Hausig Bilder, die nicht länger Licht absorbieren (wie die Ober.äche eines Gemäldes). Vielmehr sind es Bilder, die Licht emittieren. Im Falle des „Boxenstops“ erschafft er aus flachen Elementen einen Farb-Licht-Raum, der den Betrachter in einen Zustand behaglichen Aufgehobenseins und zugleich in einen Zustand der höchsten Wahrnehmungssensibilisie rung versetzt. Dies ist eine in sich schlüssige Ebene der Rezeption und dennoch ist ein weiterer Erkenntnisschritt möglich. Ludwig Seyfahrt analysiert: Hausig „übersetzt [...] die traditionelle Tätigkeit des Malers in einen Kontext, der als technisch, wissenschaftlich und ökologisch bezeichnet werden könnte. Diese Übersetzung „verfremdet“ die künstlerische Tätigkeit, die damit zwangsläu.g zu einer fast wissenschaftlichen Forschung wird. Da er aber Kunstwerke und keine Forschungsergebnisse anpeilt, verfremdet er wiederum die Wissenschaft, die er der Herstellung des sinnlich erscheinenden Kunstwerkes unterordnet.“

Eine „Überwindung der Teilkulturen“ Kunst und Wissenschaft ist seit einigen Jahren begleitet von der Erinnerung an die „techne“, der griechischen Antike aktueller denn je. Sehr anschaulich schildert Wolfgang Welsch mit Blick auf die heutige Wissenschaftspraxis: „Längst sind sich auch die Forscher in den Naturwissenschaften der Bedeutung ästhetischer Momente für ihre Erkenntnisarbeit bewußt geworden. So hatten schon Bohr, Einstein oder Heisenberg an entscheidenden Stellen ästhetisch argumentiert, und Poincaré hatte gar rundweg erklärt, daß ästhetische und nicht etwa logische Potenz die zentrale Fähigkeit eines guten Mathematikers sei. In neuerer Zeit hat dann Watsons Hinweis bahnbrechend gewirkt, daß ihm die Entschlüsselung der DNS-Struktur nur deshalb gelang, weil er davon ausging, daß die Lösung äußerst elegant werde sein müssen – nur unter dieser ästhetischen Prämisse vermochte er in angemessener Zeit unter der großen Zahl theoretisch offenstehender Lösungsvorschläge den zutreffenden.“

Mit seinen Experimenten, Forschungsreihen und mit seinen seriellen Gestaltungen bedient sich der Künstler Daniel Hausig solcher Handlungsformen, die gemeinhin beim (Natur-) Wissenschaftler angesiedelt sind. Heraus kommen Kunstwerke, die mit ihrer unmittelbar auf die Sinne und den Körper wirkenden Erscheinung die „Wahrnehmung des Nicht-Wahrnehmbaren“ (Welsch) möglich machen. Ihm gelingt eine Form, die das Sonnenlicht durch das Objekt hindurch Gestalt annehmen lässt. Natur, Technik und Kunst sind ununterscheidbar verbunden. Mit Blick auf lebbare Entwürfe der Zukunft wirft der „Boxenstop“ nicht nur ästhetische und technische, sondern zugleich ökologische und ethische Fragestellungen auf. Die Utopie (der Nirgendort, das Nirgendheim), eine imaginierte, räumlich und gedanklich unerreichbare Welt hat für ein paar Monate am Ufer der Braunschweiger Oker einen Ort bekommen.

1 Daniel Hausigs“„Boxenstop“ war eine Arbeit im Rahmen des Projektes „lichtparcours“ in Braunschweig, 2000.
2 Daniel Hausig, Konkrete Utopien, Katalog Kunstmuseum Thun 1992, S. 6.
3 Jürgen Claus, Bausteine für ein solares Zeitalter, in: Jahrbuch für Künste und Apparate, Kunsthochschule für Medien Köln (Hrsg.), Köln, 2000, S. 60.
4 Ludwig Seyfarth, Das selbstleuchtende Bild, in: Ausstellungs-Katalog Daniel Hausig, Lichträume, Stadtgalerie Saarbrücken, 1996, S. 42. 5 Wolfgang Welsch, Grenzgänge der Ästhetik, Stuttgart 1996, S. 50.



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Braunschweig, 2000